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Der Buchhändler von Gaza

von Rachid Benzine

Im Jahr 2014 streift der junge französische Fotojournalist Julien durch die Altstadt des vom Krieg gezeichneten Gaza. Vor einer Buchhandlung sitzt ein Greis und liest. Julien würde ihn gerne fotografieren, aber der alte Mann verlangt, der Jüngere solle sich zuerst seine Lebensgeschichte anhören: Nabil Al Jaber hat als Kind bereits die „Säuberung“ Palästinas erlebt, als seine Heimat 1948 zum Staatsgebiet Israels erklärt wurde. Fortan waren Vertreibung und Flucht Bestandteil seines Lebens. Durch ein Buch, das ihn tief bewegt, kommt er zum Lesen. Er erkennt, dass sein Leid nicht einzigartig ist, aber auch, dass es nicht in Hass münden muss. Er wird Buchhändler und beginnt, Menschen mit Büchern zu trösten oder sogar zu heilen, oft verschenkt er sie auch. Julien bekommt sein Foto, bleibt in Kontakt. Doch dann verändert der 7. Oktober 2023 alles. Das nur 125 Seiten starke Buch des französisch-marokkanischen Autors endet mit der Erkenntnis, dass der Mensch immer die Wahl hat, sich trotz allem für Frieden zu entscheiden. 

Ein wunderbares Buch!

Mai 2026

 

Die weisse Nacht

von Anne Stern

Der Hungerwinter 1946 in den Trümmern von Berlin fordert die letzten Kräfte der Menschen. Erfolgsautorin Anne Stern erzählt atmosphärisch dicht und bildhaft die qualvolle Zeit ohne Wärme, Essen, Vertrauten. Ihre beiden Figuren Lou und König lässt sie gezeichnet von Schuld, aber voller Mitgefühl agieren. Kernthema ihres erschütternden historischen Krimis ist die Frage nach der Schuld an der NS-Katastrophe und im Gegenzug dazu das Weitermachen der alten Nazis. Mit leisen Zwischentönen lässt sie die vier unterschiedlichen Besatzungszonen und die aufkommenden politischen Spannungen der westlichen Alliierten und der Sowjetunion entstehen. Ein düsteres Buch mit grossem Tiefgang, ein Berlinroman, eine Mahnung, aber auch ein Buch der Hoffnung.

Aufrüttelnder Auftakt der neuen Krimi-Serie - sehr empfehlenswert!

April 2026

 

 

Trag das Feuer weiter

von Lëila Slimani

Der Roman erzählt von der beeindruckenden Suche zweier Schwestern nach Freiheit. Es ist der faszinierende Abschluss der Familientrilogie - »Das Land der Anderen« und »Schaut, wie wir tanzen«.

Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit »brain fog«, einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt. Auf Anraten ihres Arztes reist sie nach Marokko, in das Land ihrer Kindheit, das sie als junge Frau verlassen hat. Als sie auf der Farm ihrer Großeltern in Meknès eintrifft, hat sie das Gefühl eine Fremde zu sein. Sie fragt sich, wer sie ohne die Erinnerungen an ihre Familie ist. Und taucht ein in ihre eigene Geschichte. Eine Geschichte, die auf ganz eigene Weise vom Kampf gegen gesellschaftliche Grenzen erzählt - und von dem Streben nach Freiheit. 

Ein grossartiger Roman über eine Familie in Marokko zwischen Tradition und Moderne, die Autorin wird zur Historikerin ihrer eigenen Biografie. Interessant für alle, die sich für den kulturellen/ historischen und politischen Hintergrund und die Beziehungen von Marokko und Frankreich interessieren. Fesselnd bis zum Ende!

Sehr zu empfehlen 

März 2026

 

 

Niemands Töchter

von Judith Hoersch

 
Die Autorin erzählt eine tief berührende Geschichte, die sich über mehrere Zeitebenen erstreckt und das Schicksal von vier Frauen miteinander verknüpft. Man fühlt sich verbunden mit Marie, Gabriele, Alma und Isabell und den komplexen Beziehungen zwischen Müttern und Töchtern, in jeder Frau erkennt man ein Stück eigener Wahrheit.

"Niemands Töchter" ist ein kluger, einfühlsamer Roman über Herkunft und Aufbruch, über innere und äussere Freiheit und über die manchmal mühsame Suche nach einem eigenen Platz im Leben. Der Kontrast der Lebensmittelpunkte - die ländliche Eifel und Westberlin - schärft den Blick für gesellschaftliche und persönliche Grenzen, er macht diesen Roman besonders eindrucksvoll.

Das wunderschön kunstvoll gestaltete Cover hat mich direkt angesprochen und meine Aufmerksamkeit auf dieses Buch gelenkt. 

Absolute Leseempfehlung!

Februar 2026

 

 

Vielleicht ist die Liebe so

von Katja Früh

»Der Termin ist am 18. Februar um vier. Trag dir das ein!«, sagt Anjas Mutter und schlürft genüsslich ihre Won-Ton-Suppe. Sie meint damit weder Friseur noch Zahnarzt, sondern ihr eigenes Ableben. Anja, Anfang vierzig, früher Schauspielerin, nun Barkeeperin, wirft diese Ankündigung aus der so oder so ungeraden Bahn, auch wenn das Verhältnis zu ihrer eigenwilligen Mutter schon immer kompliziert war und sie unentwegt um Abstand und ihr eigenes Leben und Lieben ringt. Und außerdem: Was soll denn nur aus Mamas Hund werden?
Ein sehr schönes und humorvoll geschriebenes Buch über ein kompliziertes Thema.
Wirklich lesenswert!
 
Januar 2026

 

Erde -  (Die Elemente 2 )

von John Boyne

Mit "Erde" legt John Boyne den zweiten Band seiner geplanten Tetralogie vor. Thematisch ist dieser unabhängig vom ersten Teil und für sich allein lesbar.
Im Zentrum der Geschichte steht Evan, ein erfolgreicher Fußballprofi, der eigentlich Künstler werden wollte. Aufgewachsen auf einer kleinen irischen Insel, geprägt von einem homophoben, toxisch-männlichen Vater und einer passiven, zugleich liebevollen Mutter, entwickelt Evan früh das Gefühl, in seinem eigenen Leben gefangen zu sein.
Boyne erzählt die Geschichte in zwei Ebenen: den Rückblicken auf Evans Kindheit und Jugend sowie den Szenen in der Gegenwart, in denen er vor Gericht steht, weil er die Vergewaltigung einer Frau durch seinen Freund und Teamkollegen gefilmt haben soll.

Ein intensiver, bedrückender Roman über toxische Strukturen im Sport und die Folgen einer Kindheit ohne Zuneigung. Empfehlenswert für alle, die gesellschaftskritische, knappe, auf den Punkt erzählte Romane schätzen.

 

Dezember 2025